Neulich habe ich einen Podcast über KI gehört. Der Gast erzählte von den KI-Mitarbeitern in seinem Unternehmen. Sie hatten Namen, zum Beispiel Hansi, eine Personalakte, regelmäßige Mitarbeitergespräche, einen Charakter und sogar eine Probezeit! Nach vier Wochen sollte sich zeigen, ob Hansi so angelernt werden konnte, dass er einen echten Nutzen stiftet. Falls nicht, würde er das Unternehmen wieder verlassen müssen. Übrigens hat Hansi seine Probezeit bestanden.
Meine erste Reaktion war trotzdem: Das ist absurd. Hier wird eine Technologie wie ein Mensch behandelt. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto interessanter fand ich die Idee. Denn hinter dieser etwas skurrilen Geschichte steckt eine Frage, die uns auch bei INLOGY schon länger beschäftigt:
Wie werden wir in Zukunft mit KI zusammenarbeiten? Als ein weiteres Tool oder tatsächlich eher wie mit einem menschlichen Mitarbeiter?
Bisher haben auch wir bei INLOGY KI vor allem als Tool betrachtet. Unsere Entwickler arbeiten beispielsweise mit GitHub Copilot in ihren Entwicklungsumgebungen. Diese Agenten bleiben in ihren KI-Umgebungen. Wir rufen sie in den entsprechenden Anwendungen auf, führen dort unsere Gespräche mit ihnen und kehren anschließend in unsere eigentliche Arbeitsumgebung zurück.
Aber warum eigentlich? Was, wenn die KI nicht mehr wie ein Tool auftritt? Genau an diesem Punkt wurde die Geschichte von Hansi für mich plötzlich weniger absurd. Denn vielleicht müssen wir KI gar nicht vermenschlichen, indem wir so tun, als wäre sie tatsächlich ein Mensch. Vielleicht müssen wir vielmehr die Schnittstelle zwischen Mensch und KI menschenähnlicher gestalten. Das ist ein wichtiger Unterschied. Und für eine solche menschenähnliche Schnittstelle sprechen aus meiner Sicht gleich mehrere Argumente.
Wir Menschen sind ziemlich gut darin, mit Menschen zu kommunizieren
Wir haben über Jahrtausende gelernt, wie wir mit anderen Menschen kommunizieren und zusammenarbeiten. Warum sollten wir einem KI-Agenten deshalb keine Persönlichkeit und einen wiedererkennbaren Kommunikationsstil geben? Ein Gegenüber, dessen Verhalten und Kommunikation ich einschätzen kann, kann die Zusammenarbeit natürlicher machen.
Darüber hinaus ist unsere heutige Technologie häufig nur die Infrastruktur für diese Kommunikation. Wenn ich meinem Kollegen eine Frage stellen möchte, öffne ich nicht irgendeine spezielle Anwendung für diesen Kollegen. Ich schreibe ihm zum Beispiel über Microsoft Teams. Warum sollte das bei einem KI-Agenten grundsätzlich anders sein? Die KI würde damit aus ihrem eigenen Fenster verschwinden und zu einem ganz normalen Bestandteil unserer bestehenden Arbeitsumgebung werden.
KI-Agenten kommunizieren bereits menschenähnlich
KI-Modelle wurden mit großen Mengen menschlich erzeugter Inhalte trainiert und sind darauf ausgelegt, mit uns über natürliche Sprache zu interagieren. Warum sollten wir diese Kommunikation dann unnötig technisch gestalten?
Eine Identität macht Verantwortung verständlicher
Dazu gehört für mich noch etwas anderes: eine klare Identität. Dabei geht es nicht darum, Menschen vorzugaukeln, dass sie mit einem echten Menschen sprechen. Eine Identität kann vielmehr dabei helfen, eine einfache Frage zu beantworten: Wofür ist diese KI eigentlich verantwortlich? Menschen schreiben wir Fähigkeiten zu. Sie führen dadurch in ihrem Fachgebiet. Sinnvoll wäre es deshalb, dies auch bei KI-Kollegen zu ermöglichen. Dafür braucht es eine Identität!
Verantwortung statt Micromanagement
Noch interessanter wird die Frage aus Sicht des Organisationsdesigns. Ich bin selbst ausgebildeter Organisationsentwickler und habe viele Jahre große und kleine Organisationen geholfen eine Struktur zu finden, die zu ihren Problemen passt. Deshalb weiß ich: Eine erfolgreiche Organisation versucht nicht, Menschen jeden einzelnen Arbeitsschritt vorzuschreiben. Stattdessen organisieren wir Menschen um Probleme und Verantwortungsbereiche herum. Micromanagement dagegen gilt bei menschlichen Mitarbeitern völlig zu Recht als problematisch. Bei KI machen wir allerdings häufig genau das. Wir sagen ihr detailliert, welchen einzelnen Schritt sie als Nächstes ausführen soll. Anschließend kontrollieren wir das Ergebnis und geben den nächsten kleinen Arbeitsschritt vor. Und dann wundern wir uns manchmal über mittelmäßige Ergebnisse. Vielleicht liegt ein Teil des Problems also gar nicht bei der KI, sondern bei unserer Art, Arbeit für und mit KI zu organisieren!
Wir haben genau das mit einem Kunden ausprobiert.
Mit einem unserer Kunden sind wir diesen Weg inzwischen gegangen. Die Herausforderung: Wir wollten die Effizienzgewinne durch KI nutzen, ohne dafür den bestehenden Entwicklungsprozess zu verändern. Die Arbeit fließt deshalb weiterhin über ein Board. Der entscheidende Unterschied ist, dass ein Arbeitspaket nicht mehr nur einem Menschen, sondern auch einem KI-Kollegen zugewiesen werden kann. Ich weise der KI beispielsweise ein Ticket zu. Fehlen Informationen, kontaktiert sie mich über Teams und stellt Rückfragen. Anschließend arbeitet sie selbstständig an dem Problem, entwickelt die Lösung, erstellt einen Pull Request und testet das Ergebnis. So verschwindet die KI als separates Tool zunehmend aus dem Arbeitsprozess und wird zu einem Akteur innerhalb des bestehenden Prozesses. Der Mensch behält die Kontrolle, muss aber nicht mehr jeden einzelnen Arbeitsschritt vorgeben. Stattdessen überträgt er der KI Verantwortung für ein Problem.
Was wir daraus gelernt haben
Aus unseren bisherigen Erfahrungen nehmen wir vor allem drei Dinge mit:
- KI lässt sich natürlicher in den Arbeitsalltag integrieren, wenn sie sich in bestehende Kommunikations- und Arbeitswege einfügt. Wenn ich mit einem Agenten dort kommunizieren kann, wo ich ohnehin mit meinen Kollegen kommuniziere, verschwindet ein Teil der technischen Distanz.
- Verantwortung ist interessanter als einzelne Skills. Die entscheidende Frage ist nicht nur, welche isolierte Tätigkeit eine KI ausführen kann. Viel spannender ist, für welches Problem beziehungsweise welchen Aufgabenbereich sie Verantwortung übernehmen kann.
- Mehr Eigenständigkeit der KI bedeutet nicht automatisch weniger Kontrolle durch den Menschen. Die Art der Kontrolle verändert sich. Der Mensch muss nicht jeden einzelnen Arbeitsschritt definieren, bleibt aber für Ziele, Rahmenbedingungen und Entscheidungen verantwortlich.
Und was kommt danach?
Doch wenn wir diesen Gedanken konsequent weiterverfolgen, entsteht bereits die nächste Frage. Was erwarten wir eigentlich von einem guten Mitarbeiter? Nur, dass er Aufgaben erledigt, die ihm jemand ausdrücklich zuweist? Wir erwarten auch, dass Menschen mitdenken und Probleme erkennen. Dass sie uns auf Dinge aufmerksam machen. Und dass sie in ihrem Verantwortungsbereich selbstständig aktiv werden. Warum sollte das langfristig bei einem KI-Agenten anders sein? Heute könnte ich meinem KI-Agenten ein Ticket zuweisen und ihn bitten, das Problem zu lösen. Der nächste Schritt ist für uns eine KI, die innerhalb ihres Verantwortungsbereichs selbst erkennt, dass ein Problem entstanden ist, und mich darauf anspricht. Dies ist der Schritt von der reagierenden zur proaktiven KI.
Wenn ich heute an die Podcastfolge zurückdenke, erscheint mir die Geschichte von Hansi jedenfalls deutlich weniger absurd. Ich glaube weiterhin nicht, dass wir so tun sollten, als wären KI-Systeme tatsächlich Menschen. Aber unsere bisherigen Erfahrungen haben uns gezeigt, dass eine menschenähnliche Schnittstelle die Integration von KI in unseren Arbeitsalltag sehr natürlich machen kann. Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber nachdenken, in welchem KI-Tool wir zukünftig arbeiten werden und mehr darüber, wie wir eine Organisation gestalten, in der KI als Mitarbeiter an einem Problem mit uns zusammenarbeiten kann.
Für uns bei INLOGY bedeutet das: KI aus ihrem eigenen Fenster herauszuholen, ihr einen klaren Verantwortungsbereich zu geben und sie dort in die Organisation zu integrieren, wo heute bereits Zusammenarbeit stattfindet.
Diesen Weg wollen wir weitergehen. Bei uns selbst und gemeinsam mit unseren Kunden. Wo steht ihr auf diesem Weg? Wie menschlich ist eure KI?
Wir freuen uns auf den Austausch.